Der Indian Summer in Nordamerika

Gegen dieses Naturschauspiel verblasst unser Altweibersommer

18.08.2008 Susanne Adler

Indian Summer - S.Adler
Indian Summer - S.Adler
Leuchtend rote Wälder und warmes Spätsommerwetter machen den echten Indian Summer zu einem einzigartigen Phänomen, vor allem in Neuengland und Kanada.

Die beginnende Gelb- und Rotfärbung der Laubblätter im Spätsommer oder Frühherbst läutet wohl eine der schönsten Jahreszeiten überhaupt ein. Dieses beeindruckende Naturschauspiel kann man in vielen Gebieten der Erde beobachten. Doch ein paar eingefärbte Laubblätter und mildes Wetter allein machen noch keinen Indian Summer. Dieses Phänomen lässt sich in seinem Ausmaß nur in Nordamerika regelmäßig beobachten. Und dort vor allem in den Neuengland-Staaten der USA, in Teilen Kanadas und Alaskas, aber gelegentlich auch bis in die Südstaaten und den Mittleren Westen der USA. Aber was genau ist eigentlich ein Indian Summer, woher kommt der Begriff und was unterscheidet ihn z.B. von dem uns hierzulande bekannten Altweibersommer?

Einzigartiges Farbenspiel

Oftmals bezieht sich der Begriff des Indian Summer in den USA und Kanada nur auf eine außergewöhnlich warme Wetterperiode im Herbst, ohne besonderen Bezug auf die einhergehende Blätterfärbung. Doch die Foliage, also die Verfärbung der Blätter durch den Abbau des grünen Pflanzenfarbstoffs Chlorophyll und die zusätzliche Bildung von den für die starke Rotfärbung verantwortlichen Carotinoiden, ist bereits ein entscheidendes Merkmal des Indian Summer, denn viele der nordamerikanischen Laubbäume, allen voran der Ahorn, weisen eine deutlich intensivere Orange- und Rotfärbung ihrer Blätter auf als viele ihrer europäischen Artgenossen. Die genauen Gründe dafür sind noch nicht vollständig geklärt.

Auf ersten Frost und kalte Nächte folgt viel Sonne und eine milde Brise

Ein weiteres Merkmal für einen echten Indian Summer ist eine ganz spezielle Wetterlage, die man so in Europa ebenfalls selten vorfindet. Eine stabile Hochdrucklage sorgt für blauen Himmel und Sonnenschein, der die Temperaturen tagsüber noch leicht auf über 20°C ansteigen lässt. Dazu weht meist ein milder Wind aus südlichen oder südwestlichen Richtungen. Die Nächte dagegen können schon empfindlich kühl werden, vereinzelt kann es auch Frost geben, was unter Umständen zu einer noch intensiveren und schneller voranschreitenden Blätterfärbung führt. Manche sagen daher auch, einen „echten“ Indian Summer könne es erst geben, wenn es vorher bereits eine richtige Kälteperiode mit Frost gegeben hätte.

Von Alaska im August bis nach Texas im November

Die genaue Verbreitung des Indian Summer variiert natürlich von Jahr zu Jahr, genau wie seine Dauer und Intensität. In manchen Jahren gibt es so gut wie keinen Indian Summer, in anderen zieht er sich über mehrere Wochen und ist besonders ausgeprägt. Sein Ausgangspunkt befindet sich in den Gebirgsregionen Alaskas und Kanadas, wo sich häufig bereits im August die ersten Blätter zu färben beginnen und die ersten Frostnächte auftreten können. Je nach Wetterlage breitet sich die Foliage entweder langsam und stetig oder auch sprunghaft und relativ schnell in den Süden aus. Die Kernzeit des Indian Summer liegt in den Hauptgebieten, also den Neuengland-Staaten und Teilen Kanadas, meist zwischen Ende September und Ende Oktober, in weiter südlich gelegenen Gebieten wie z.B. Texas kann das Schauspiel weit weniger ausgeprägt sogar oft auch erst im November beobachtet werden. Dementsprechend fallen auch die sogenannten "peaks", die Höhepunkte des Indian Summer in jeder Region unterschiedlich aus. Diese dauern meist nur wenige Tage, manchmal sogar nur einen. Genau dann ist die Färbung und Leuchtkraft der Blätter am intensivsten.

Neuengland ist Hochburg des Indian Summer

Doch auch innerhalb des Kerngebietes des Indian Summer gibt es ganz charakteristische Unterschiede. Die Verfärbung der Blätter unterscheidet sich beinahe von Bundesstaat zu Bundestaat, je nach den vorherrschenden Baumarten und Zusammensetzung der Wälder. Den schönsten Indian Summer kann man angeblich in Vermont erleben, oft wird behauptet, dort gäbe es die intensivste und vielfältigste Färbung der Wälder. Aber auch die anderen Neuengland-Staaten wie Maine, Massachusetts, New Hampshire oder Connecticut bieten zur Zeit des Indian Summer ein unvergleichlich schönes Farbenspiel und ein herrlich mildes Klima. Das ist auch der Grund, warum vor allem diese Staaten in den letzten Jahren ganz gezielt und verstärkt auf die touristische Vermarktung dieses Naturereignisses gesetzt haben. Hotels und Pensionen in der Region sind im Herbst regelmäßig ausgebucht, sonst eher einsame und bevölkerungsarme Gebiete werden während dieser Zeit zu Touristenhochburgen. Wander- oder Kanutouren in den verschiedenen National Forests und Parks sind bei vielen Besuchern besonders beliebt.

Ursprung weitgehend ungeklärt

Woher der Begriff des Indian Summer genau kommt, ist weitgehend ungeklärt, es gibt zahlreiche Theorien und Legenden, von denen bisher allerdings keine hundertprozentig bestätigt werden konnte. Besonders nahe liegend scheint der Ursprung in der indianischen Kultur. So lautet eine Theorie, dass die amerikanischen Ureinwohner diese Zeit im Herbst für ihre Jagd nutzten, was durchaus Sinn macht, da viele Tiere auch heute noch vorrangig zu dieser Zeit gejagt werden, wenn sie aufgrund des warmen Wetters noch einmal aus ihren Unterschlüpfen und Winterquartieren herauskommen, um selbst auf die Jagd zu gehen und Energiereserven für den bevorstehenden Winter anzulegen. Eine Legende besagt zudem, dass das in die Erde gesickerte Blut der geschossenen Bären für die intensive Rotfärbung der Blätter verantwortlich sei.

Einer etwas anderen Theorie zufolge sollen die weißen Einwanderer den Indian Summer abfällig als Synonym für „fools summer“, also eine Art „Dummkopf- oder Idiotensommer“ verwendet haben, da er einerseits als minderwertig gegenüber dem „richtigen“ Sommer angesehen wurde und andererseits mit seiner verlässlichen Wetterlage als narrensicher galt. Eine völlig andere mögliche Erklärung zum Ursprung des Namens liegt darin, dass viele Schiffe, die von der Ostküste Nordamerikas in Richtung des Indischen Ozeans aufbrachen, während der Zeit des Indian Summer beladen wurden. Tatsächlich trugen viele Schiffe dieser Zeit die Initialen I.S. auf ihrem Rumpf, die genaue Bedeutung dieser Abkürzung konnte allerdings bis heute nicht geklärt werden.

Altweibersommer als Light-Variante des Indian Summer

Das Phänomen eines warmen Spätsommers oder Herbstes mit der fortschreitenden Laubfärbung lässt sich natürlich auch in weiten Teilen Europas und Asiens beobachten, so gibt es auch in vielen Sprachen ganz spezielle Begriffe dafür. Im deutschsprachigen Raum ist der Begriff „Altweibersommer“ für diese spätsommerliche Warmwetterphase geläufig, wobei dieser sich hauptsächlich auf die zu dieser Jahreszeit zahlreichen umher fliegenden Spinnweben junger Baldachinspinnen bezieht, die besonders im Sonnenlicht und mit Morgentau bedeckt die Landschaft förmlich einzuweben scheinen. Mit der unglaublichen Intensität und Farbenpracht eines echten nordamerikanischen Indian Summers lassen sich die europäischen Varianten der „späten Sommer“ allerdings kaum vergleichen.

Urheberrecht: Susanne Adler. Verwendung des Textes nur mit schriftlicher Genehmigung des Autors.

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